Augen

Sehen

Die Augen reagieren äusserst sensibel auf Umwelteinflüsse und werden aufgrund moderner Lebensgewohnheiten, wie etwa das Arbeiten am Bildschirm, stark beansprucht. Jeden Morgen darf man beim Erwachen erleben, wie tags zuvor ermüdete, gestresste Augen ausgeruht und erfrischt den Aufgaben des neuen Tags entgegensehen. Das Auge empfängt Eindrücke, lässt das Licht der Aussenwelt in den Menschen.

Doch dieses Verständnis umfasst nur einen Teil der Augenfunktionen. Es wirken nicht nur die Strahlen und das Licht von aussen in das Auge hinein, sondern das Auge tastet gleichzeitig die Welt ab. Sehen ist also nicht nur ein passives Geschehen, es ist ebensosehr ein aktiver Prozess, den es zu lenken und zu pflegen gilt.

Sehen mit dem ganzen Körper - Interview

Sehen ist ein Ganzkörperprozess, Kein Wunder also, dass man besser sieht, wenn der Nacken entspannt ist. Wie man seine Augen gesund und leistungsfähig erhält, erklärt die Sehtrainerin Ria Kötter. 

Was stresst die Augen?

Unsere Augen sind heute enorm gefordert: Schnelllebigkeit, Leistungsdruck und visuelle Medien beeinträchtigen die natürlichen Bedürfnisse der Augen nach Bewegung und Abwechslung stark. Im Privaten als auch bei der Arbeit ist das Sehen oft sehr einseitig und spielt sich vorwiegend im Nahbereich ab. Vor allem in diesem Nahbereich hat unsere Sehleistung um ein Vielfaches zugenommen. Täglich setzt das Gehirn Millionen von Bildern zu einem grossen Puzzle zusammen. Natürliche Entspannungsphasen haben leider kaum noch Platz im Alltag. Kurz abschalten, den Blick in die Ferne schweifen lassen, wie oft tun wir das? Der Lebensstil geht bei vielen Menschen im wahrsten Sinne des Wortes ins Auge.

Wenn es dämmert, draussen kalt und feucht, drinnen warm und trocken ist, bekommen gestresste Augen besonders leicht Probleme. Das Sehen in der kühlen, dunklen Jahreszeit strengt sie an, die Temperaturunterschiede bringen sie schon mal zum Brennen und Tränen.

Welche Beschwerden kann man bekommen, und warum?

Vor allem Bildschirmarbeitende klagen zunehmend über Augenbeschwerden. Überanstrengte Augen, brennende, trockene, rote oder gerötete Augen, zeitweise verschwommenes Sehen, Druckgefühl, nachlassende Sehkraft, Blendungsempfindlichkeit, Kopfschmerzen, Konzentrationsstörungen oder auch Verspannungen im Schulter-, Nacken- und Rückenbereich zählen zu ihren Beschwerden. Mit der Dauer der Bildschirmarbeit nehmen die Augenbeschwerden zu, so eine Studie des Instituts für Arbeitsmedizin der Goethe-Universität, Frankfurt.

Hier einige Ursachen*: 

  • Die Augenbewegung bei Bildschirmarbeit ist stark reduziert, der Blick starr auf den Bildschirm gerichtet, es kommt allenfalls zu Blicksprüngen (Tastatur, Vorlage, Bildschirm). Mit den fliessenden Augenbewegungen des normalen Sehens, hat das nicht viel zu tun. Problem: überanstrengte, müde Augen.
  • Durch die geringe Augenbewegung wird der natürliche Lidschlag, der durch Blickwechsel und Kopfbewegung angeregt wird, erheblich herabgesetzt. Die durchschnittliche Lidschlagfrequenz beträgt normalerweise zwanzig Lidschläge in der Minute, beim Bildschirmarbeiter nur fünf Lidschläge in der Minute, bei Bildschirmspielen sogar nur zwei in 60 Sekunden. Möglich: trockene, gerötete oder auch brennende Augen. Man spricht auch vom „Office-Eye-Syndrom“, verstärkt durch trockene Luft im Büro.
  • Das Auge ist dafür gebaut, sich auf verschiedene Entfernungen einzustellen. Beim natürlichen Sehen schweift es umher, der Blick wechselt ständig in der Entfernung. Am PC kommt es über lange Zeit zu Nahblick-Phasen. Laut Prof. Dr. Frank Scheffel, Leiter des Instituts für Kurzsichtigkeit an der Universitätsaugenklinik Tübingen, ebnet der PC sogar der Kurzsichtigkeit den Weg. In Deutschland hat mit der Bildschirmarbeit auch die Zahl der Brillenverschreibungen zugenommen: Rund 40 Millionen Deutsche tragen heute eine Brille oder Kontaktlinsen.
  • Die Anpassung an unterschiedliche Lichtverhältnisse kann zum Problem werden. Das Auge nutzt das Zentrum der Netzhaut um Details wie Zahlen, Buchstaben und Tabellen klar zu sehen. Auf Dauer stumpfen die unbenutzten Randbereiche der Netzhaut ab. Das kann zu einer erhöhten Lichtempfindlichkeit oder zu Sehschwierigkeiten im Dunkeln führen.
  • Durch die ständig beleuchtete Bildschirmoberfläche strahlt eine Lichtquelle direkt in die Augen. Dies fördert die Blendungsempfindlichkeit vor allen Dingen beim Nachtsehen.

Sind weitere Körperteile betroffen?

Ja, vor allen Dingen der Nacken-, Schulter- und Rückenbereich. Vor dem Bildschirm müssen Oberkörper und Kopf ruhig stabilisiert sein, damit die Augen die Fülle an Informationen überhaupt verarbeiten können. Durch die Bewegungsarmut lässt die Kraft der Rückenmuskulatur nach, obwohl sie die Wirbelsäule stützen soll. Das belastet wiederum die Bandscheiben enorm. Die Folge sind oft Nacken-, Schulter- und Rückenverspannungen.

Wie beugt man vor?

Es gibt ein spezielles Vorsorgeprogramm aus Augen- und Sehübungen, Entspannungsübungen und dem Ausgleich durch körperliche Bewegung, entstanden in der Zusammenarbeit von Augenärzten, Optikern und Sehtrainern. Sehen und Bewegung sind ganz eng verknüpft. Durch Bewegung wird der Energiefluss zu den Augen hin angeregt. Laut einer Studie der Uni Bochum war die Sehkraft nach 25 Minuten Herz-Kreislauftraining bei den Probanden um ½ Dioptrie besser. Natürlich schwankt die Dioptrienzahl im Laufe des Tages, aber nach dem Training war sie immer besser. Sport unterstützt die Beweglichkeit und Entspannung der Augen. Wichtig ist grundsätzlich: Entspannung. Tief durchatmen, Stress ausatmen. Über die Atmung zur Entspannung kommen ist der Königsweg, empfiehlt Prof. Dr. med. Ilse Strempel von der Universitätsaugenklinik Marburg. Selbst auf kurze Entspannungsphasen reagieren Augen sofort positiv. Immer wieder den entferntesten Punkt im Raum anvisieren, die Augen in alle Richtungen bewegen und bewusst blinzeln. Die Sehschärfeneinstellung des Auges schult man, indem man abwechselnd auf einen nahen und einen entfernten Gegenstand blickt.

Was hilft akut?

Überanstrengte, müde, brennende Augen kurz schließen, durchatmen und eine kleine Augenmassage zur Entspannung anschließen. Oder die durch Reibung erwärmten Hände einfach wie kleine Kuppeln über die geschlossenen Augen legen. Dunkelheit und Wärme regenerieren die Augen. Bewährt: Bei laufendem Wasser 10 -15 mal mit beiden Händen Wasser an die geschlossenen Augen schwappen, abwechselnd warm und kalt. Fördert die Durchblutung der vorderen Augenpartie und belebt die Augen. Wohltuend sind auch Teekompressen mit Fenchel oder Augentrost.

Warum sehen wir nicht an allen Tagen gleich gut?

Weil Sehen ein sehr komplexer gesamtkörperlicher Lebensvorgang ist, betrifft Auge, Körper und Geist. Wenn wir von Sehen sprechen, denken wir automatisch an unsere Augen. Dort findet jedoch nur 20 Prozent des Sehvorgangs statt, 80 Prozent leistet das Sehzentrum im Gehirn. Die Energie zu sehen stellt jedoch der Körper zu Verfügung. Zwischen ihm und den Augen besteht eine elementare Verbindung. Wenn wir also entspannt und ausgeruht sind, gut geschlafen haben, ist unsere Sehqualität mit Sicherheit besser als am Abend nach einem anstrengenden Tag. Das erklärt auch, dass die Dioptrienzahl im geringen Masse über den Tag schwanken kann. Da Augen und Gehirn ein Viertel der mit der Nahrung aufgenommenen Energie verbrauchen, ist eine an Mikronährstoffen reiche Ernährung wichtig für gutes Sehen.

*(Arbeit und Sehen – Eine interdisziplinäre Erklärung von Veränderungen des Sehens bei Bildschirmarbeit. Dissertation von Stephan Degle, Universität Augsburg 2006).

Die Autorin: Ria Kötter ist Sehtrainerin und Kursleiterin der Augenschule, Mitglied im Verein für gesundes Sehen e.V. in Deutschland, und war viele Jahre in der med. Forschung der Universität Düsseldorf tätig. Heute arbeitet sie vorwiegend im Bereich Firmentraining und an Volkshochschulen.

Interview: Ingrid Reissner