Natur

Künstler der Höhensonne

Das Edelweiss ist eine seltene Schönheit. Das kleine, edle Pflänzchen, mit seinen schneeweissen Blättern und dem sternförmigen Blütenstand, wächst in 1500 bis 3000 Metern Höhe – unter starker Sonneneinstrahlung und auf kargem Boden. Wenn wir es genau beobachten, können wir einiges von ihm lernen.

Im Hochgebirge, der Heimat des Edelweiss, ist die Vegetation viele Monate von Schnee bedeckt. Unter der Schicht überwintert das Pflänzlein, das den lateinischen Namen Leontopodium alpinum trägt, mit seinem Wurzelstock bis zum nächsten Frühjahr. Nach der Schneeschmelze entwickelt sich eine kleine Rosette, und schon bald wächst der kurze Stiel gut 10 cm in die Höhe. Die länglichen Blätter sind ganz mit filzigen weissen Haaren bedeckt.

Diese krausen Haare haben es in sich: Sie tragen tausende kleine Luftbläschen in sich, die das Licht reflektieren. Forscher haben ausserdem entdeckt, dass die Haare aus parallelen Fasern mit 0,18 Mikrometern Durchmesser bestehen und damit so aufgebaut sind, dass sie genau die Wellenlänge der schädlichen UV Strahlung absorbieren. Trotzdem kommt das übrige Licht hindurch und das Edelweiss kann Photosynthese betreiben. Ohne die starke formende Kraft des Höhenlichts wächst es zu langen dünnen Trieben aus, die sich nicht aufrecht halten können – es benötigt also die starke Strahlung, um im Gleichgewicht zu sein und eine harmonische Gestalt auszubilden.

Diese krausen Haare haben es in sich: Sie tragen tausende kleine Luftbläschen in sich, die das Licht reflektieren.

Doch nicht nur die starke Sonneneinstrahlung im Gebirge stellt das unter strengem Naturschutz stehende Edelweiss vor Herausforderungen: Der Boden ist karg, enthält nur wenig Nährstoffe. Das Edelweiss muss deshalb aus dem Boden sehr starke Vitalkräfte ziehen, um unter diesen Bedingungen überleben zu können.

Zur Herstellung des Edelweiss-Extraktes für Naturkosmetik werden die oberirdischen, blühenden Teile der Pflanze verwendet.

Und noch etwas macht das Edelweiss, das als Symbol für das Hochgebirge gilt, zu einer ganz besonderen Pflanze. Schaut man sich die Blüten genauer an, sieht man, dass die äusseren Blüten von behaarten Hochblättern gebildet werden. Innen stehen zwei bis zwölf Blütenköpfchen, die jeweils aus 60 Einzelblüten zusammengesetzt sind.  So entsteht eine harmonische Gestalt, die Pflanzenforscher als Blüte höherer Ordnung bezeichnen, als Blüte in zweiter Potenz. Das Edelweiss steigert dieses Prinzip noch: Hier bilden sich auch zusammengesetzte Korbblüten. Aber das Edelweiss bildet nicht nur eine davon - mehrere Körbchen werden zu einer grossen Gesamtblüte kombiniert. Deshalb spricht man davon, dass das Edelweiss eine Blüte in dritter Potenz ausbildet.

Anthroposophisch gesehen sind es diese beiden Eigenschaften, die das Edelweiss so wertvoll machen. Seine starke Vitalität - die Fähigkeit unter extremen Bedingungen von Kälte und Strahlung zu wachsen -  und die hohe Ordnung seiner Blüte. Dieses Potential kann unserem Organismus helfen, die Struktur unserer Haut aufrecht zu erhalten und zu verbessern.

Torsten Arncken

Agronom und Pflanzenforscher

Torsten Arncken ist Agronom und Pflanzenforscher am Goetheanum in Dornach, Schweiz.