Natur

Vom Gipfel ins Tal

Wie kam das Edelweiss vom Gipfel ins Tal und was macht diese Pflanze mit den samtenen Blüten so wertvoll? Im Wallis in der Schweiz gibt es das Edelweiss aber als Bio-Kulturpflanze im Tal.

Catherine Tornay ist früh aufgestanden an diesem Sommertag. Die Walliserin erwartet beinahe ihre ganze Familie auf dem Feld oberhalb des Ortes Orsières: Schwestern, Schwager und Schwägerinnen und Nichten. Nur einmal im Jahr ist Edelweiss-Ernte und nur wenn alle anpacken, haben sie es bis zum Mittagessen geschafft. Deshalb steht Catherine früh auf dem Feld und weist die Erntehelfer ein. Sie ist zwar nicht die einzige in der Familie, die sich vom Frühling bis in den späten Herbst um die Pflanzen hier kümmert, aber an diesem Tag ist sie unmissverständlich die Chefin. Catherines Mann Pascal kommt mit dem Anhänger. Darin wird er die Edelweissblüten später zum Trocknen in die Bauerngenossenschaft Valplantes weiter unten im Tal transportieren. Bis dahin heisst es auf dem 1000-Quadratmeter-Feld: bücken, schneiden, tragen, bücken. Catherine und ihre Familie sind schon seit über zehn Jahren Edelweiss-Anbauer, die einzigen im Tal.

Es gab bereits seit hundert Jahren Leute, die Edelweiss in den Bergen pflückten und erfolgreich Samen im eigenen Garten setzten.

José Vouillamoz

Die Geschichte der Kulturpflanze

Edelweiss und andere wild wachsende Alpenpflanzen kultivieren? Auf die Idee kam in den 1980er Jahren neben einer anderen Schweizer Firma auch Weleda. Bei der eidgenössischen Forschungsanstalt Agroscope fiel der Gedanke auf fruchtbaren Boden. Mitte der 1990er Jahre begann der Forscher Charly Rey, Alpenpflanzen zu züchten. Reys Nachfolger heisst José Vouillamoz. Der Phyto-Chemist hat es sich auf einer Sitzbank bequem gemacht, von der er aus Orsières und das Edelweiss-Feld überblickt. Er war schon oft hier, kennt das Tal, an dessen südlichem Ende der Grosse Sankt Bernhard Pass liegt. Vouillamoz ist an diesem Erntetag aus dem Rhône-Tal angereist, um von der Geschichte des Edelweisses als Kulturpflanze zu erzählen.

Wo das Edelweiss wächst

1500
Meter im Tal
3000
Meter auf dem Berg
Manche blühen im Juni, andere erst Wochen später

Er erinnert sich: „Es gab bereits seit hundert Jahren Leute, die Edelweiss in den Bergen pflückten und erfolgreich Samen im eigenen Garten setzten, das ist nicht einmal schwierig. Und es gab auch schon erste Zucht-Edelweiss, die man im Laden kaufen konnte. Die Frage, die uns beschäftigte, war aber: Lassen sich bisherige Edelweiss-Pflanzen auch in grossen Mengen kultivieren, professionell?“ Sein Vorgänger habe schnell herausgefunden: „Nein, dafür entwickeln sie sich allzu heterogen – die einen schiessen in die Höhe, andere bleiben ganz klein, manche blühen im Juni, andere erst Wochen später.“ Damalige Untersuchungen hätten zudem ergeben, dass auch die Zusammensetzung der Pflanze ziemlich vielfältig sei. Alles schlechte Voraussetzungen für eine Ernte, von der wegen ihrer weiteren Verwendung erwartet wird, dass die einzelne Pflanzen alle mehr oder weniger gleich gross sind, die gleiche Menge an Wirkstoffen enthalten und gleich weit gereift sind.

Die Arbeit ist intensiv und aufwändig, umso mehr, als wir alle Arznei- und Gewürzpflanzen biologisch kultivieren.

Reys Idee war, ein Edelweiss zu züchten, das all diese Ansprüche erfüllt. Er nahm wilde und bereits kultivierte Exemplare und kreuzte sie. Unter den zwanzig Hybriden, die das Forscherteam so erhielt, schien einer geradezu perfekt: die Stängel waren hoch, die schönen Blüten gleich gross. Das war sozusagen die Geburt des „Helvetia“-Edelweiss. 2006 pflanzten die Pioniere dort, wo jetzt geerntet wird, das erste Feld. Diese ersten, für die Weiterverarbeitung kultivierten Pflanzen, fanden sich als Essenz später in der damalige Sonnenpflege von Weleda wieder. Und ein Teil des Edelweisses, das Catherine Tornay und ihre Familie nun ernten, gelangt als wichtiger Bestandteil in die neue Generation der Weleda Sonnenpflege.

Was  macht das Edelweiss als Kulturpflanze so wertvoll? José Vouillamoz kennt die Antwort und die Geschichte. Er erzählt, wie österreichische Kollegen von der Universität Innsbruck im Rahmen einer Zusammenarbeit, erstmals ein Molekül im Edelweiss „Helvetia“ entdeckten, das sie „Leontopodic Acid“ nannten, in Anlehnung an den lateinischen Namen von Edelweiss: Leontopodium alpinum. Dieses Molekül schütze die DNA der Pflanze vor den starken UVA- und UVB-Strahlen – in der grossen Höhe, in der sie wächst, ein überlebenswichtiger Schutz. Edelweiss-Extrakte haben eine hohe antioxidative Kapazität und können so mithelfen, auch die menschliche Haut vor den Auswirkungen der Sonnenstrahlen zu schützen.

Nur einmal im Jahr ist Edelweiss-Ernte und nur wenn alle anpacken, haben sie es bis zum Mittagessen geschafft.

Bio und Fair-Trade

Wer am Feldrand steht, sieht gebückte Rücken – einen, zwei, drei, vier, fünf … und mehr. Catherines Ehemann Pascal zeigt der französischen Praktikantin, die für ein paar Wochen bei ihnen arbeitet, wie man Edelweiss schneidet: einen Büschel greifen und eine Handbreit unterhalb der Blüten mit der Handsichel abschneiden. Das nächste Büschel folgt sogleich. Die letzten Wolken am Himmel haben sich verzogen, die Sonne brennt auf die Rücken der Ernteleute herunter, das Feld wird von Minute zu Minute karger. Wie erwartet ist bis zum Mittag das Feld abgeerntet, der Anhänger voll. Die Bauern werden für ihre Anbaufläche und die geleistete Arbeit, nicht für den Ertrag, bezahlt.

„Das ist fairer“, sagt der fürs Edelweiss zuständige François Paul, „gäbe es einen Ernteausfall, gingen sie sonst leer aus. Das wollen wir nicht. Die Arbeit ist intensiv und aufwändig, umso mehr, als wir alle Arznei- und Gewürzpflanzen biologisch kultivieren.“ Dieser Aufwand schlägt sich in der Entlohnung nieder. Für Catherine Tornay bedeutet dies Sicherheit. Denn in der Landwirtschaft bescheren Ernteausfälle aufgrund von Schädlingen, Wetter- oder Klimabedingungen den Bauern schnell Einkommensausfälle. Nicht so hier. Biologisch kultivieren bedeutet zudem viel Arbeit, da das meiste von Hand gemacht wird. Nachdem die Setzlinge – mit der Hilfe eines Traktors – in den Boden gebracht sind, heisst es, die Erde lockern und jäten. Das sei besonders zeitintensiv, sagt Catherine, die hauptberuflich als Briefträgerin bei der Schweizer Post arbeitet: „Zu Spitzenzeiten sind wir täglich auf dem Feld, um das Unkraut von Hand zu entfernen.“ Die 53-jährige Mutter von vier erwachsenen Söhnen sagt: „Es ist eine anstrengende, aber schöne Arbeit. Das Edelweiss ist die ideale Ergänzung zu unseren anderen Arbeiten.“

Mich erinnert der Duft am ehesten an Honig

Catherine Tornay

Das meiste der Edelweiss-Ernte wird zu einer Essenz für Kosmetikprodukte verarbeitet

Catherines Ehemann arbeitet beim Kanton als landwirtschaftlicher Berater, zudem unterstützt er seinen Bruder, der ebenfalls im Weiler Reppaz oberhalb von Orsières lebt, bei der Viehwirtschaft. Die beiden scherzen beim Anblick des vollen Anhängers, wie viel einfacher es für sie doch geworden sei, Edelweiss zu pflücken: „Zuvor riskierten wir unser Leben, um die Frauen zu beeindrucken. Wir mussten auf über 2500 Meter hinauf klettern, bis wir ein einziges Edelweiss fanden. Jetzt müssen wir uns nur ein wenig bücken. Einzig: mit dem Edelweiss-Anbau kamen die Rückenschmerzen.“ Die Brüder lachen. Das meiste der Edelweiss-Ernte wird zu einer Essenz für Kosmetikprodukte verarbeitet, aus einem kleinen Teil entsteht Tee. Duftet das Edelweiss? Catherine Tornay sagt: „Sehr dezent. Es ist schwierig das zu beschreiben – mich erinnert der Duft am ehesten an Honig. Ich rieche ihn dann, wenn viele Blüten zusammen liegen, wie jetzt im Anhänger.“

Im Anschluss an die Ernte fahren die Helferinnen und Helfer zu Catherine und Pascal Tornay nach Hause. Auf der Hausterrasse, von der aus man das Tal wunderbar überblicken kann, sind die Tische bereits gedeckt und das Essen wartet auf die grosse, hungrige Sippe, die hier verköstigt wird. Ein Thema bei Tisch sind auch die schwierigen klimatischen Bedingungen dieses Jahr: Doch die Edelweiss-Anbauer hatten kein Problem, denn die ursprünglich hochalpine Pflanze ist unberechenbare und eisige Temperaturen gewöhnt.